Markus Wirthmann | Sonstiges
Jet-Set vs. Lokalpatriotismus – eine Biennale-Presseschau
Seit Ende letzter Woche überschlägt sich die Kunstszene (oder besser gesagt die Kunstszenen, fein säuberlich getrennt durch Einkommen und sozialen Status) in Venedig. Aus der heimischen Sesselpuper-Perspektive kann man sich davon auch ein Bild machen ohne sich mit hibbeligen KuratorInnen und missgünstigen KünstlerkollegInnen in Billigfliegern drängeln zu müssen. Für alle daheim Gebliebenen hier also mal eine kleine Presseschau.
Dagmar Taube schildert in der Welt am Sonntag die Kunstwelt als apokalyptische Vision von "Sex and the City" (sehr amüsant): Bilder-Bürgertum in Venedig:
»Künstler und Galeristen sind die neuen Freunde. Kunst-Magazine die Coffee-Tablebooks des heutigen Bilderbürgertums. Arbeiten wie die von Amelie von Wulffen oder Kai Althoff dürfen an keiner Loftwand fehlen. Und nirgends werden sie so stilvoll angeschaut wie in der Stadt des Löwen. Im Schatten des Markusdoms entsteht eine Art neuer Religion: Da werden die Künstler angebetet wie Götter.«Unter dem schönen Titel Songcontest für Intellektuelle wird hier von Almuth Spiegler in Die Presse aus Österreich schon mal Skandinavien gedisst, weil, der österreichische Beitrag stellt, im wahrsten Sinne des Wortes, alles in den Schatten. Aber Austro-Gigantismus hat keine Lobby. Man stellt sich schon mal vorauseilend aufs Verlierertreppchen.
»Mit artifiziellen Mitteln wird hier überall versucht, die Phänomene der Natur einzufangen, zu karikieren, mit ihnen zu spielen. Der Meister dieser künstlichen Verklärung ist der Däne Olafur Eliasson. Heuer ist er in Venedig mit der von Francesca Habsburgs "T-B A21"-Stiftung finanzierten Lichtinstallation "Your black horizon" vertreten. Sein in- und auswendig mit Holztreppen umbauter und mit Kristallen ausgestatteter Pavillon von 2003 aber scheint wie eine Vorahnung, wie ein Vorleuchten gewesen zu sein auf Schabus' monumentales Bergmassiv. Von hier oben aus müsste heuer der Goldene Löwe brüllen. Und wenn er es auch nie tun wird. Sein Echo wenigstens, das haben wir gehört.«Schwaben verstehen die Sachsen einfach nicht! In der Eßlinger Zeitung bekommen Matthias Weischer und Thomas Scheibitz von Dorothee Baer-Bogenschütz Maultaschen vorgesetzt und bei Tino Sehgal vermutet sie weiterreichende Begehrlichkeiten: Tampons, Tanz und Teddybären
»Was wir von der Kunst heute verlangen, lässt sich hier gut ablesen. Mehr Entertainment als Aufklärung und zugleich Provokation statt Bravsein. Tino Sehgal, zusammen mit der müden Malerei von Thomas Scheibitz für Deutschland im Rennen, bemüht sich um "Arbeiten, die gleichzeitig etwas und nichts sind". Er lässt Aufsichtspersonen tanzen und winken wie beim Casting für eine Revue. Dazu produzieren sie stereotypen Singsang. "This is so contemporary" - Sehgal, der keine Dokumentation erlaubt, propagiert eine neue Produktionsform und spurenloses Wohlgefallen, will aber am Ende doch ins Museum.«Und damit das Mal klar ist: Die Sachsen können auch ohne die Schwaben! Was ist denn so ein Löwe, wenn es eine Leipziger Volkszeitung gibt, die in Gruppenausstellungen außerdem genau nachzählt! Weischer achtfach auf der Biennale in Venedig
»Für seine Kunst erhält der in Leipzig lebende Maler in diesem Jahr den Kunstpreis der Leipziger Volkszeitung. Seit gestern macht er auch weiter südlich von sich reden, auf der 51. Biennale in Venedig. "Experience of Art" (Die Erfahrung der Kunst) heißt eine Gruppenausstellung im italienischen Pavillon, an der Weischer mit acht Arbeiten beteiligt ist.«
Markus Wirthmann, 13.06.05 | Mehr von dieser Autorin/diesem Autor
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